28.04.09

etwas theorie

Dinge ... besitzen formatierende Kraft. (..) Sie stärken oder erweitern die Identität des Individuums, indem sie die Rolle von Therapeuten, Trainern oder besten Freundinnen einnehmen. (..)
Und wie ein Spielfilm oder eine Erzählung Phantasien stimuliert, malt mancher sich das eigene Leben ausgehend von einem Anzug oder einer Espressomaschine als Erfolgsstory aus und träumt seine Träume etwas schärfer konturiert als sonst. Wer erst einmal darauf achtet, wird bemerken, wie häufig Menschen in Warenhäusern oder Geschäften etwas in die Hand nehmen, es vor sich halten und versonnen darauf blicken: Sie träumen gerade, in Empathie verfallen wie Leser eines Romans. Erst recht werden von den Spiegeln von Umkleidekabinen alternative Lebensläufe skizziert.

Das erklärt auch, warum viele - meist Jüngere - "Shopping" genauso als Hobby angeben wie Reisen oder Musikhören und warum sie darin ebenso selbstverständlich eine Lieblingsbeschäftigung gefunden haben wie frühere Generationen im Lesen oder in Theaterbesuchen: Es ist Unterhaltung im Dialog mit sich selbst, die man so genießen kann, und damit eine angenehme Form, die eigene Individualität zu gestalten und über Schwächen und Ängste hinwegzufiktionalisieren.

Wolfgang Ulrich "Auf dem Weg zum Konsumbürgertum: Was Menschen mit Dingen und Dinge mit Menschen tun" - aus dem Buch "Kampf der Dinge", herausgegeben vom Werkbundarchiv - Museum der Dinge

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